Hilfe, mein Hund ist "anders"                                                                                                  von Britta Leinemann  


Mittelgroß, stehohrig, größtmögliche Frettchenkompatibilität - das waren meine Kriterien für einen hündischen Hausgenossen. Ein Zettel "Hütehundwelpen abzugegen" in einem Futtermittelladen erregte meine Aufmerksamkeit. Eigentlich wollte ich "nur mal gucken", aber dann war da auf dem heruntergekommenen Hof diese verängstigte, handscheue, "schmächtige" Hündin, die zu mir erstaunlich schnell Vertrauen faßte und mich kaum wieder gehen lassen wollte, und so nahm ich sie wider besseren Wissens mit. Zur Rasse erzählte mir der Schäfer irgendwas mit "Wester...", was ich weder richtig verstand noch sagte es mir damals etwas. Auf meine Nachfrage, was für eine Art Hütehund das denn sei, antwortete er "Na, Hütehund halt".

Derart gut aufgeklärt zog ich also mit meinem ersten Hund von dannen und nannte die Kleine "Jenna". Jenna erwies sich als sehr lernfreudige, ungemein verspielte und verschmuste Hausgenossin, in der Wohnung ruhig und angenehm und mir stets wie ein Schatten folgend. Nach einigen Wochen verstand sie sich gut mit den drei frechen Frettchen. Im Büro lag sie die meiste Zeit dösend zu meinen Füßen. Nachdem sie ihre ersten Ängste vor der ihr fremden Umwelt abgebaut hatte, zeigte sie sich draußen sehr wach, aufmerksam und neugierig.
Insgesamt dauerte es aber Jahre, bis sie sich einigermaßen gelassen zeigte. Noch heute ist sie mißtrauisch und sucht sich genau aus, von wem sie sich anfassen läßt; zu Menschen, die sie mag, ist sie aber überaus freundlich. 

Schon im Welpen-/Junghundalter merkte ich, daß sie irgendwie "anders" war als andere junge Hunde ihres Alters. Sie hatte irgendwie mehr Energie, war aufmerksamer und hart im Nehmen und konnte von dem rauen Spiel mit den erwachsenen Hunden auf der Hundewiese im Gegensatz zu anderen Junghunden nie genug bekommen.

In der Hundeschule lernte sie leicht und schnell, fiel aber während der Wartephasen durch "Dönekens" aus Langeweile auf.

Mit zunehmendem Selbstbewußtsein entwickelte sie eine Aufpasser- und Kontrollmentalität:
Zu Hause wurde jedes Betreten des Grundstücks gemeldet, ins Büro kam niemand mehr unkommentiert hinein.
Auf Gruppenspaziergängen lief sie gerne oberhalb des Weges an den Kanten der Hänge entlang und beobachtete die Gruppe von dort. Nachzügler und Hunde, die sich kurzfristig von der Gruppe entfernten, bekamen von ihr einen herben Rüffel.

Sie suchte sich unterwegs oft irgendwelche Beschäftigungen und hatte mit ihren Einfällen immer die Lacher auf ihrer Seite.

Der Umgang mit ihr war für mich trotz ihres Temperaments einfach, sie machte einen ausgelasteten Eindruck, und ich freute mich über meinen leichtführigen, lustigen Hund.

Inzwischen wußte ich von einem Schäfer, daß ich einen Altdeutschen Hütehund hatte. Die damals noch nicht so reichhaltigen Informationen im Internet halfen mir aber nur bedingt weiter.

Als sie zwei Jahre alt wurde, änderte sich ihr Verhalten innerhalb ziemlich kurzer Zeit. War sie bislang viel zu hibbelig, um sich längere Zeit konzentrieren zu können, funktionierte das auf einmal. Statt mit anderen Hunden herumzutoben, legte sie immer mehr Wert darauf, mit MIR zu arbeiten/spielen. War sie bisher zu jedem Artgenossen freundlich und kontaktfreudig, wurden ihr andere Hunde zunehmend lästiger. Letztlich führte das dazu, daß Kontakte mit fremden Hunden immer stressiger wurden, da sie nach Möglichkeit versuchte, diese zu "gängeln".

Hatte ich mir zu Beginn meiner "Hundehalterkarriere" nette Spaziergänge mit anderen Hundehaltern vorgestellt, so mußte ich jetzt einsehen, daß das nicht mehr machbar war.
Wenn sich Jenna eine Zeitlang nur mit normalen Gassigängen begnügen mußte, wurde sie zu Hause immer unruhiger, unausgeglichener, bellfreudiger und nervender, draussen reizbar und im Umgang mit Artgenossen immer aggressiver.
Nur nach einem abwechslungsreichen Spaziergang mit Ballspiel, Unterordnungsübungen und vielen weiteren Kommandos war Jenna zufrieden, müde und ausgeglichen. Leider hatte die Spaziergehgruppe kein Verständnis dafür, so gehe ich seitdem immer alleine.

In der Flyballgruppe lernte Jenna zum Entsetzen des Trainers das gesamte Spiel in weniger als 1/2 Stunde (sein eigener Retriever hatte dafür eine Woche täglichen Trainings benötigt). Leider wurde es ihr genauso schnell wieder langweilig, der Ablauf ist halt immer derselbe.

Dann im Spaß-Agility-Kurs (also ohne Turnierambitionen) beteuerten die anderen Hundehalter, ihre Hunde seien nach der Stunde immer ausgepowert und müde, bei Jenna war das selten der Fall. Ein professionelleres, anspruchsvolleres Agility wäre für uns vielleicht passender gewesen, gab es aber leider nicht.

Spielstunden besuchte ich nicht mehr. Jenna war nur gestreßt, weil sie ständig versuchte, die anderen Hunde zu korrigieren und das Getümmel zu "ordnen".

Obwohl ihr Gehorsam gut und unser häusliches Zusammenleben sehr angenehm war, versuchte sie immer mal wieder, meine Kommandos in Frage zu stellen. Auch jede Inkonsequenz der gelegentlichen Hundesitter oder anderer Bekannter machte für mich eine "Diskussion" mit meinem Hund nötig. Anstatt einfach zu akzeptieren, daß hier erlaubt, was da verboten war, probierte sie ständig, ob ich ihr das nicht evtl. auch durchgehen lassen würde.

In meiner Umgebung kannte ich etliche brave, ruhige und völlig unkomplizierte Hunde, deren Halter weder eine Hundeschule besucht noch je Fachliteratur über Hunde gelesen hatten. Der Vergleich dieser "unauffälligen" Hunde mit meiner "Knallschote" ließ in mir das Gefühl entstehen, ein unfähiger Hundehalter zu sein.
Meine Bücherregale füllten sich mit Hundebüchern, ich nahm an weiteren Hundeschulkursen teil, las in mehreren Hundeforen, aber wirklich weitergebracht hatte mich das nicht. Warum war Jenna so anders als die meisten Hunde, die ich sonst kannte, auch die Hütehunde (Bearded Collies)? Machte ich wirklich so viele Fehler?

Aus dieser Persönlichkeitskrise fand ich erst wieder heraus, als ich andere AH-Halter kennenlernte. Hallo! Es gab ja noch andere Hunde, die ganz ähnlich veranlagt waren! Jenna ist ja gar nicht unnormal - für einen AH!
Zu der Zeit wurde mir auch erstmals bestätigt, daß Jenna nicht nur äußerlich, sondern auch vom Charakter her sehr viel vom Westerwälder Kuhhund hat, womit dann auch das Rätsel um die "Wester..."-Bezeichnung des Schäfers gelöst war.

Mittlerweile habe ich natürlich sehr viel über die Altdeutschen Hütehunde und deren Verhalten gelernt, weiß Jenna besser einzuschätzen und halte mich längst nicht mehr für unfähig. Jenna ist jetzt 6 Jahre alt und ruhiger geworden. Wenn ich von Anfang an darüber aufgeklärt worden wäre, was für einen Hund ich mir ins Haus holte, hätte ich wohl manche Fehleinschätzung ihres Verhaltens vermeiden können. Andererseits hätte ich sie vielleicht zu sehr mit Beschäftigungen überhäuft, anstatt mich langsam den Bedürfnissen des Hundes anzupassen.

Seit 1 1/2 Jahren lebt nun auch Kimmi bei uns. Sie wurde im Alter von 14 Monaten vom Schäfer abgegeben. Beide Hündinnen mochten sich auf Anhieb sehr, sie erinnern mich in ihrer Art an Max und Moritz, es macht viel Spaß. Kimmi ist deutlich weniger anstrengend als Jenna in dem Alter war, dafür gibt es mit ihr andere Probleme (siehe mein Erfahrungsbericht "Der Impfschaden").

Auch wenn meine Vorstellungen über mein Leben als Hundehalter vor Jahren gründlich über den Haufen geworfen wurden, bin ich schon längst dem Charme der Altdeutschen Hütehunde verfallen. Ich würde meine beiden "Rüben" um nichts in der Welt eintauschen wollen. Wenn ich etwas mit ihnen unternehme und dann in ihre begeisterten Gesichter mit dem pfiffigen Ausdruck schaue, dann bin ich glücklich. 

 

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