Zucht
Früher - Heute - Zukunft![]()
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Der Beginn der modernen Hundezucht
... Was ist ein Standard? ...
... Problematik der heutigen Hundezucht ...
... Kommt der Biohund? ...
... Arbeitslinie und Familien-(Show- oder Hobby-)linie? ...
Zucht der Altdeutschen Hütehunde
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Der Beginn der modernen Hundezucht
Wenn man heute von Hundezucht spricht,
denken die meisten Leute an Rassehunde und assoziieren automatisch
einheitliches Aussehen.
Doch das war nicht immer so.
Noch vor ca.
160 Jahren bedeutete Hundezucht eine Auslese nach dem Gebrauchswert.
Man behielt nur die für ihre Aufgabe am besten geeigneten Hunde, die
anderen wurden getötet oder einfach laufen gelassen.
Kreuzungen mit
anderen Hunden waren häufig, teilweise unbeabsichtigt, teilweise
beabsichtigt zur Verbesserung der Gebrauchseigenschaften.
Das
Aussehen war nur soweit von Interesse, als es sich auf den
Gebrauchswert auswirkte. Fellfarben spielten eine untergeordnete Rolle,
außer bei einigen Schoßhundrassen und den Meutehunden (wegen der
Zuordnung zur jeweiligen Meute) der Adligen.
Mit der zunehmenden
Industrialisierung im 19. Jh. und der daraus resultierenden
Kapitalbildung im Bürgertum brachen auch für die Hundezucht neue Zeiten
an. Sie wurde jetzt zur Passion der "Nouveaux Riches". Man begann,
Haustiere systematisch zu "standardisieren". Ab ca. 1850 war die
planmäßige Zucht gut etabliert.
Es
ist kein Zufall, dass die moderne Hundezucht ausgerechnet im
klassenbewußten England, dem Vorreiter der Industriellen Revolution,
ihren Ausgang nahm.
Was dem neureichen Bürgertum selber fehlte,
gaben sie ihren Vierbeinern: klangvolle, adlige Namen und einen
Stammbaum, der eine exakte Kopie der Stammbäume der Adligen darstellte.
"Pedigree"
heißt der Stammbaum auf Englisch und stammt vom französischen "Pied de
gru" ab, was "Kranichfuß" bedeutet und auf die Form des Stammbaumes
hinweist. Man schuf sozusagen einen Hundeadel, der sich von den
Mischlingen, Straßenhunden, Landrassen und Landschlägen abhob.
Analog
zu den Verwandtenehen, ja Inzest bei den menschlichen
Herrscherdynastien wurde Inzest- und Linienzucht bei der Züchtung des
"Hundeadels" angewandt. Hier allerdings nicht im Interesse der
Bewahrung des Vermögens, sondern um bestimmte Eigenschaften in der
Rasse zu fixieren.
Hundewettkämpfe
waren in England seit langem sehr beliebt. Doch nachdem 1835 der
Hundekampf offiziell verboten wurde, wich man nach und nach auf eine
andere Form des Wettkampfes aus: Nicht mehr der Tod des Gegners,
sondern die überlegene Schönheit wurde zum Maßstab des Kampfes.
Die
erste Hundeausstellung - allerdings nur für Jagdhunde - fand im Juni
1859 in Newcastle-on-Tyne statt, die erste für alle Rassen folgte im
November des gleichen Jahres in Birmingham.
Durch
das rasch zunehmende Interesse an solchen Hundeausstellungen entstand
ein großer Markt für Ausstellungshunde. Doch in dem gleichen Maße, wie
Lukrativität und kommerzielles Interesse anstiegen, griff auch Willkür
und Korruption der Ausstellungsrichter um sich. Damit nicht allein das
subjektive Empfinden des Richters alleiniger Parameter zur Beurteilung
eines Hundes war, gründeten einige englische Hundezüchter 1873 den
British Kennel Club, der die Rahmenbedingungen für Rassezugehörigkeit,
Zucht und Ausstellungsgeschehen festlegte.
Für jede Rasse wurde ein
Standard hinterlegt, der die äußtere Erscheinung beschreibt und an dem
jeder Hund seiner Rasse gemessen wird.
War
früher die Leistung eines Hundes ausschlaggebend für die Verwendung in
der Zucht, entschied man jetzt nach dem Aussehen. Nur die Tiere, die
den Idealvorstellungen nahekamen, wurden zur Zucht zugelassen.
Dieses "Viktorianische System" revolutionierte die Hundezucht auf der ganzen Welt.
Schon 1863 fand in Hamburg die erste deutsche Hundeausstellung statt.
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Diese Frage soll hier in seinem unnachahmlichen Stil der Schauspieler, Regisseuer und (Hundebuch-)Autor Gerd Haucke mit einem Auszug aus seinem für jeden Hundefreund empfehlenswerten Buch "Hund aufs Herz" (1996) beantworten:
Was
ist ein Standard? Nun, was das "Hundewesen" angeht: Die akribische
Beschreibung des Idealtyps einer Rasse, entwickelt und herausgegeben
von den zuständigen Vereinen des Landes, dem die betreffende Rasse
zugehört.
Dem Richter auf Ausstellungen, aber auch dem potentiellen
Käufer sollen damit Richtlinien an die Hand gegeben werden. (Merke: Bei
uns werden Zuchtrichter ernannt. Nicht ausgebildet!) Im
ersten Fall etwas, wonach sich der Richter orientieren soll und muß, im
zweiten eine Bewertungsmöglichkeit auch und gerade für den Laien. Der
allerdings kauft mit dem Welpen immer die Katze im Sack, denn aus dem
dickbäuchigen Etwas, das mit zirka acht Wochen in erster Beglückung
nach Hause getragen wird, soll ja erst der mehr oder weniger in den
Standard passende Hund werden. Deshalb ist es ja doch wichtig, daß auch
wenigstens ein erwachsenes Exemplar in Augenschein genommen werden
kann. Im Idealfall natürlich der Erzeuger, denn die Hündin sieht am
Ende der Säugezeit ziemlich ramponiert aus - auch bei bester Pflege -,
und es gehört schon etwas Sachverstand dazu, sie sich im Normalzustand
vorzustellen.
Gehen
wir doch einmal nach diesen grundsätzlichen Erwägungen ein paar
Standards querbeet durch, diese Fetische des modernen Hundezüchtens auf
Sinn und Unsinn abklopfend. Airedale
Terrier (Britische Rasse). Unter "besondere Merkmale" tönt der
Standard: "Sein Wesen spiegelt sich im Augenausdruck sowie in der
Ohren- und Rutenhaltung." (Bei welchem Hund nicht?) Unter "Kopf und
Schädel" heißt es: "Backen flach, das Vorgesicht soll unter den Augen
gut ausgefüllt sein." Unter "Hinterhand": "Von hinten gesehen sollen
die Läufe parallel zueinander stehen." (Wahrlich eine Generalforderung!) Bernhardiner
(Schweiz): "Zu tief hängende Lider mit auffällig hervortretenden
Tränendrüsen oder hochgeröteter, wulstiger Bindehautfalte und zu helle
Augen sind verwerflich" (Verwerflich, ein Wort, das man im Geiste auf
schwyzerdütsch hört!). Die Verwerflichkeit hängt natürlich mit der "gut
ausgebildeten Kehl- und Halswamme" zusammen, die die Gesichtshaut
herunterzieht und zu der oben beschriebenen chronischen
Bindehautentzündung führt. Solche immer von Augenschmerzen geplagten
Hunde habe ich auf Shows schon oft ganz nach vorn gestellt gesehen. Dem
Bloodhound (sehr britisch) sollen "die tiefliegenden Augen mit den
herabhängenden Unterlidern" (Ektropium nennt das der Veterinär - siehe
Bernhardiner) und "die extrem tief angesetzten Ohren" gar "einen edlen
und würdevollen Ausdruck verleihen". Entzündungen im Gehörgang - der
Hund kann die überlangen, schweren Behänge nicht einmal mehr
andeutungsweise heben, das heißt belüften - gehören denn auch zu den
rassetypischen Krankheiten. Beim
Basset (britisch) schreibt der Standard das gleiche Dilemma zwingend
vor. Er ist gewissermaßen ein Bloodhound ohne Beine. Ehe jetzt das
Geschrei der Basset-Freunde losgeht: Die Chondrodystrophie ist eine
Krankheit, die ein mehr oder weniger eingeschränktes Wachstum der
Röhrenknochen verursacht. Diesen Defekt hat man bei allen Hunden, die
für ihren Rumpf zu kurze Beine haben, herbeigezüchtet und damit
verewigt. Das ist keine Meinung, sondern ein biologisches Faktum. Wissen
Sie, was ein "rustikaler" Hund ist, mit einer Nase "mehr viereckig als
rund"? Nein? Nun, der Schäferhund von Brie ist es, auch Berger de Brie
oder Briard genannt. Der schöne arme Hund hat außerdem häufig die
sogenannten Afterkrallen an der Innenseite der Unterschenkel, manchmal
sogar in doppelter Ausführung. Die sind ein anachronistisches
Überbleibsel und so notwendig wie ein Kropf. Bei anderen Rassen
entfernt man sie gnädig in den ersten Lebenstagen, denn wenn ein Hund
damit irgendwo im Gelände hängenbleibt, gibt es fürchterliche
Verletzungen, wie man sich vorstellen kann. Von
all dem Gefummel steht natürlich nichts in irgendeinem Standard. Außer
beim Pudel. Der darf nur in drei Frisuren ausgestellt werden:
klassische Schur, moderne Schur und der sogenannte "English Saddle
Clip". Bei letzterem wird dieser kluge und freundliche Hund
erbarmungslos zum Idioten frisiert, teils nackt, teils mit
hochtoupierten Pompons hier und nochwo. Nierengegend, After und Genital
bleiben kahl. Gerade dort braucht der Hund Wärme. Ein grauenvoller
Anblick! Eine Schande für alle mit dem Hund befaßten offiziellen
Gremien und Verbände! Eine Tortur, diese tagelange, stets
wiederholungsbedürftige Prozedur der Herstellung dieser Buchsbaumhecke
von einem Hund. Man darf seinen Pudel allerdings in jeder Form
ausstellen, bekommt dann aber keine offizielle Auszeichnung, und damit
ist der Hund praktisch raus aus der Zucht. Prämiert wird hier kein
Hund, sondern sein Friseur. Und Besitzer, die ihren Hund nicht verdient
haben. Was
also bewirkt der Standard, was kann er verhindern? Er bewirkt nichts
Gutes und verhindert nichts Böses und Blödes. Denn das, was beherzigt
werden sollte, weil es der Rasse guttäte, wird ignoriert. Auf das
Unwichtige oder Schädliche wird penibel geachtet. Das Überflüssige,
Affige, Eitle wird geduldet, wenn nicht sogar gefördert. Seltene
Ausnahmen bestätigen die betrübliche Regel. . . Problematik der heutigen Hundezucht demnächst Auf
der Webseite von Frau Prof. Dr. med. vet. Irene Sommerfeld-Stur,
Institut für Tierzucht und Genetik der Veterinärmedizinischen
Universität Wien, erhalten Sie weitere Informationen zu diesem Thema: http://www.sommerfeld-stur.at/index (mit freundlicher Genehmigung von Frau Prof. Sommerfeld-Stur). . . In
der heutigen Zeit des steigenden Umweltbewusstseins ist eine starke
Rückbesinnung zum Natürlichen zu verzeichnen, daher gibt es viele unter
uns, die alles "Bio" lieben: Nahrungsmittel, Kleidung, Bauen, Wohnen
usw. In der Tierzucht besinnt man sich auf alte, naturverbundene
Haustierrassen, im Pflanzenbau auf die alten Landsorten. Und auch in
der Hundezucht und -haltung gibt es Tendenzen zum Mischling oder zur
Naturzucht, wie man bei Lorenz, Trumler u.a. nachlesen kann. Aber
nicht Mischlinge sind die Lösung, sondern der heterozygote (genetisch
vielseitige) Rassehund. Der Mischling ist kein Ausweg, heute schon gar
nicht. Abgesehen davon, dass man nie weiß, was für ein Hund sich da
entwickelt, weisen Hundeclubs gern darauf hin, dass ja auch Mischlinge
unter denselben Krankheiten leiden wie hochgezüchtete Rassehunde. Nun,
das nimmt nicht Wunder, denn wohl werden Mischlinge meist vitaler sein,
aber da sie ja auch nur aus hochgezüchteten, daher oft mit
Erbkrankheiten behafteten Hunden entstehen, wird häufig das eine oder
andere, vor allem polygene Erbleiden nicht mehr duch die Kreuzung
ausreichend dominant überdeckt, also hat dann auch der Mischling dieses
Leiden, besonders, wenn es auch durch Umwelteinflüsse ausgelöst wird,
die ja beim Mischling durch die meist schlechtere Haltung eher
eintreten. Auch der Mischling ist nicht mehr das, was er war, als die
Basispopulation der Haushunde aus Landschlägen bestand, die eine große
Erbvariabilität aufwiesen. Was
aber ist der "Biohund"? Etwas, was es (noch) nicht gibt, nämlich der
bewusst wieder auf hohe Heterozygotie (erbliche Variabilität) und damit
Vitalität, Langlebigkeit und Leistung gezüchtete Rassehund! Genetische Isolierung - die Wurzel des Übels Alte
Landrassen, die seit jeher nur auf Leistung gezüchtet wurden, sind
gesundheitlich viel besser dran. Wenn sie allerdings selten werden,
tritt Inzucht unvermeidlich auf und sie sind zunehmend gefährdet. Dann
ist die Einkreuzung einer nah verwandten Rasse mit nachfolgender
Rückzüchtung zur Erhaltung der Lebenskraft unvermeidlich! Nicht nur Symptome, die Ursachen bekämpfen! Will
man sich dem Trend, dass alle paar Jahre eine neue Erbkrankheit
auftaucht oder eine bisher bedeutungslose problematisch zu werden
beginnt, entgegenstellen, gilt es, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen
und zwar: 1.
Je nach Größe der Population einer Rasse die maximale Zahl der Würfe
nach einem Rüden zu begrenzen, also die Anzahl der verwendeten Rüden zu
maximieren. In Schweden schlägt man je nach Größe der Population eine
Begrenzung von hundert bis auf einen einzigen Wurf je Rüden (auf
Lebenszeit!) vor. Professor Sundgren von der Universität Uppsala
empfiehlt die Begrenzung auf 5% der registrierten Welpen der Rasse auf
eine Fünf-Jahres-Periode. 2. Nur
solche Partner zu paaren, die ein Minimum an gemeinsamen Ahnen im
Stammbaum (im Idealfall: gar keine!) aufweisen (in jeder Rasse gibt es
ohnehin in mehr oder weniger weiter zurückliegenden Generationen
gemeinsame Ahnen) und keine gröberen Nachteile aufweisen. Bei mehreren
etwa gleichwertigen Möglichkeiten in Bezug auf Blutsfremdheit erst
wählt man den standardgemäßeren Partner wie bisher gehandhabt. 3.
Wenn nötig, Haar- und Farbvarianten einer Rasse wieder zu kreuzen! Will
man die Varianten erhalten, kann man dies durch Rückzüchtung auf die
Ausgangsrasse, aber nur bei einem noch ausreichenden Genpool! 4.
Import von Rüden oder deren Samen aus Gebieten, wo die Zucht sich
bereits länger verselbständigt hat und damit blutsfremder geworden ist
(was aber nicht einfach sein kann, da z.B. immer wieder bei vielen
englischen Rassen auf Importe aus Großbritannien zurückgegriffen wurde). 6.
In bestimmten Fällen die Stammbücher wieder öffnen, d.h. z.B.
stammbaumlose, aber im Exterieur entsprechende Tiere unter bestimmten
Kriterien zu registrieren. 7. Gegen
verschiedene Erbkrankheiten gibt es heute bereits Gentests, so dass man
viele direkt durch Ausschluss der Defektträger oder auch Paarung
derselben mit defektgenfreien Hunden bekämpfen kann. Vielfach wird
letzteres vorzuziehen sein, da manchmal schon die Hälfte oder noch mehr
der Hunde einer Rasse Defektträger sind. Die
vordringlichsten Maßnahmen sind die unter 1, 2 und 7 genannten. Wenn
der Fall nicht durch zu starkes Auftreten von Erbkrankheiten bei einer
Rasse mit sehr wenig Würfen schon kritisch ist, müsste es damit allein
gelingen - natürlich unter gleichzeitiger strenger Selektion -, die
Widerstandsfähigkeit und Vitalität der Zuchtprodukte einer Rasse zu
normalisieren. Im
Artenschutz hat man heute Methoden entwickelt, um gefährdete Tierarten
vor dem Aussterben durch genetische Verarmung zu schützen. Solche
Methoden stünden nun auch der Hundezucht zur Verfügung. Man kann
einerseits mit Computern berechnen, wie man die genetischen Anteile der
ursprünglichen Stammtiere einer Rasse erhält, oder jene Tiere
ermitteln, die mit der übrigen Population an wenigsten verwandt sind
oder seltene genetische Kombinationen aufweisen. Solche Individuen
haben, wenn sie auch anderweitig zuchttauglich sind, einen besonderen
Wert für die Rasse. Auch durch DNA-Studien kann man wertvolle Hinweise
erhalten. Das also wäre der
"Biohund": ein Rassehund, der unter Beachtung der genannten Regeln
erzüchtet wurde: Primär möglichst ohne Ahnenverlust, also ohne Linien-
und Inzestzucht und bei scharfer Selektion auf Gesundheit, und erst
sekundärer Selektion auf Standardkonformität - wobei dieser Standard
keine anatomischen Anomalien mehr enthalten dürfte, die das
Wohlbefinden oder die Gesundheit beeinträchtigen, wo immer diese bisher
vorgeschrieben waren. Natürlich werden dann diese Hunde auch naturgemäß
ernährt und aufgezogen. Eine neue Epoche der Hundezucht? Der Trend zur Wende hat also mehrere Ursachen: Natürlich
kämen solche "Biohunde" dann ganz wesentlich teurer als nach den
bisherigen Regeln gezüchtete, und sie wären in manchen Fällen, am
Standard gemessen, weniger "typvoll" und einheitlich als ingezüchtete
Schauhunde. Ohne Linienzucht ist die "modische" Umzüchtung kurzfristig
kaum denkbar, aber das ist, kynologisch gesehen, kein Nachteil. Diese
Tiere wären ja gesünder, vitaler, leistungsfähiger und langlebiger,
wären also auch bezüglich Tierarzt- und "Wiederbeschaffungskosten"
"rentabler" und somit wertvoller. Auch sie würden natürlich Defektgene
beherbergen, aber in geringer Zahl, und je nach der Ausgangslage doch
soweit dominant "überdeckt", dass sie sich nur selten manifestieren
könnten. Es ist anzunehmen, dass dann viele potentielle Hundehalter,
die heute Mischlinge vorziehen, für solche Rassehunde "aus
Qualitätsbiozucht" Interesse hätten und dafür auch den entsprechend
höheren Preis bezahlen würden. Wenn dann einmal Heterozygotie eine
Voraussetzung zur Zulassung bei Ausstellungen wäre, dann bräuchte man
für die Zukunft des Rassehundes - in dieser Hinsicht jedenfalls - nicht
mehr zu fürchten, wenn also Hundezucht generell wie in alten Zeiten
"Biohundezucht" bedeuten würde. Ansonsten
gilt für die Zucht der Altdeutschen Hütehunde: Da sie vorwiegend noch
wie in alten Zeiten nach Leistungskriterien gezüchtet werden, ist die
Zucht der Altdeutschen Hütehunde "Biohundezucht". Die Vergangenheit ist
die Zukunft der Hundezucht. . . Arbeitslinie und Familien-(Show- oder Hobby-)linie? Die
meisten Abeitshundrassen wurden mittlerweile entweder ganz ihrem
ursprünglichen Zweck entfremdet (z.B. der Collie), indem man nurmehr
nach dem äußeren Erscheinungsbild selektierte und die
Arbeitseigenschaften außen vor ließ, oder aber die Population teilte
sich auf in zwei unterschiedliche Linien: die Arbeitslinie und die
Familien(Show-)linie. Davon abgesehen, daß es unter
populationsgenetischen Gesichtspunkten äußerst unklug ist, eine u. U.
sowieso recht kleine Hundepopulation auch noch in zwei unvereinbare
Lager zu spalten, bringt das Vernachlässigen der Arbeitseigenschaften
zugunsten eines bestimmten Aussehens auch noch diverse Probleme mit
sich. 1. Selbst wenn es den Züchtern
ausnahmsweise einmal gelänge, dem anscheinend typisch menschlichem
Drang nach Übertypisierung nicht nachzugeben (was wir für
unwahrscheinlich halten: Die Annahme, dass ausgerechnet die
Familienlinien-Züchter von Altdeutschen Hütehunden besonnener und
selbstkritischer vorgehen würden als andere Hundezüchter, ist wohl mehr
als naiv.), dürfte es nicht gelingen, die einzelnen Schläge der
Altdeutschen unter Vernachlässigung der Hüteeigenschaften genau mit dem
Aussehen zu züchten, wie sie überliefert sind. Zu sehr sind die äußere
Form und das Verhalten miteinander verknüpft. Das
Pelzfarm-Fuchs-Experiment von Prof. Belayev zeigt, daß bereits die
Selektion auf ein einziges verändertes Kriterium (in dem Fall nur die
geringere Fluchtbereitschaft) äußerlich völlig andere Formen
hervorbrachte als die ursprüngliche Wildform. Lassen
wir dazu Prof. Ray Coppinger (Professor für Biologie) und Lorna
Coppinger (ebenfalls Biologin) zu Worte kommen (R. u. L. Coppinger:
„Hunde", 2001): Es gibt Hunderte
verschiedene Hunderassen. Jede erfüllt einen bestimmten Zweck. Jede hat
einen ganz bestimmten Körperbau. Der besondere Körperbau einer Rasse
ermöglicht es ihr zumindest theoretisch, ihren Zweck besser zu
erfüllen, als das jede andere Rasse oder Spezies könnte. Man könnte
auch sagen, dass die kontinuierliche Selektion auf bessere
Arbeitsleistung zu einer ganz besonderen Körperform der Tiere geführt
hat. .... Wie
im Kapitel über die Haushunde ausgeführt, sind Hunde in den falschen
Händen aber sehr gefährdet. Viele Hundezüchter erzielen durch ihre
Versuche, eine Hunderasse reinrassig zu erhalten, unerwünschte Effekte.
Sie behandeln Rassen so, als würde es sich um eine Spezies handeln, und
isolieren kleine Populationen sexuell, um ihren traditionellen und
idealen Phänotyp zu erhalten. Sexuelle Isolation von der
Hundepopulation insgesamt hat aber für die Hunde, die in der Falle
einer reinen Rasse gefangen sind, schwerwiegende Auswirkungen. Es
stellt sich ja auch heraus, dass die Bemühungen, Hunde mit gefügigem
Wesen, aber unter Bewahrung des ursprünglichen Aussehens zu züchten,
nur wenig Erfolg zeigen. Größe und Form konstant zu halten und
gleichzeitig das Verhalten zu ändern, dürfte eine dieser Grenzen sein,
die den Entwicklungsmöglichkeiten gesetzt sind, so wie man keinen Hund züchten kann, der gleichzeitig ein überlappendes Gesichtsfeld und den Hang zum Sabbern hat. 2. Meistens wird es ausschließlich
den Arbeitseigenschaften angelastet, dass Arbeitshunde oft nicht die
gewünschten problemlosen Familienhunde abgeben. Wenn auch die Vitalität
und Arbeitsfreude dieser Tiere im Privathaushalt anstrengend werden
kann, ist die „Schuldzuweisung" an die Arbeitseigenschaften ein
Trugschluß! Viele Arbeitshunde müssen - je nach Verwendungszweck - ein
hohes Maß an Lern- und Kooperationsbereitschaft aufweisen. Genau diese
Eigenschaften, die der Altdt. Hütehund (noch) ganz besonders ausgeprägt
zeigt, wären auch für einen Familienhund wünschenswert. Sie sind aber
ganz eng mit denen der Hüte-, Jagd- oder sonstigen Arbeitseigenschaften
verflochten. Ein „Umzüchten" unter Weglassen der Arbeitseigenschaften
hat also allzu oft auch den Verlust weiterer, eigentlich erwünschter
Eigenschaften zur Folge. Selbst wenn man im Falle unserer Altdeutschen Hütehunde nicht gezielt gegen die Hüteeigenschaften selektiert, hat bereits der Verzicht
auf die strenge Selektion auf diese Eigenschaften zur Folge, dass diese
sich innerhalb weniger Generationen verwischen oder ganz verlieren. Ein
derart komplexes Verhalten wie das Hüten unserer AHs kann nur durch
gezielte Leistungsselektion erhalten werden! Frau
Dr. med.vet. Viola Hebeler (Praktizierende Tierärztin mit
Interessenschwerpunkt Verhalten und Vererbung) erklärt diese
Problematik am Beispiel des BorderCollie. Den vollständigen Text lesen
sie hier: http://www.abcdev.de/artikel/QuoVadis.html. Folgende Auszüge (mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr. Hebeler) lassen sich 1:1 auf den Altdeutschen Hütehund übertragen: Ist
der Hund irgendwann gar nicht mehr zu kontrollieren, beißt er die
Kinder oder zerlegt das Mobiliar, heißt es dann: der Hund muß weg und
zwar irgendwo hin, wo er Hüten kann. Es soll ja ein Arbeitshund sein,
und wahrscheinlich fehle ihm nur die Arbeit. Wo aber nun hin mit dem Problemhund? Als Haushund ist er zu unausgeglichen, als Arbeitshund mental nicht mehr geeignet. Der
Hundetrainer, CANIS-Dozent und Fachmann für das Rassehundewesen Gerd
Leder schreibt dazu am Beispiel einiger Hunderassen (G. Leder: „Die
Rassen des Hundes"): - Dackel sind
anpassungsfähige und vielseitige Familienhunde, die sich, wenn man sie
wie Hunde behandelt und nicht vermenschlicht, wunderbar erziehen
lassen. Dem viel gegebenen Rat, bei der Anschaffung eines Dackels als
Familienhund auf keinen Fall jagdliche Linien, sondern Show- und
Hobbylinien zu wählen, kann ich mich nicht anschließen. Es sind die
Gebrauchseigenschaften, die den Dackel zu dem gemacht haben, was er
ist. Jagdtrieb alleine reicht da nicht aus. Neben Vitalität, physischer
und psychischer Belastbarkeit gehören auch Intelligenz und
Ausbildungsfähigkeit zu den Eigenschaften, die nicht nur einen guten
Jagdhund, sondern auch einen guten Familienhund ausmachen. Ein Fehlen
dieser Selektionsfaktoren (durch entsprechende Prüfungen) zu Gunsten
einer Zucht nach ausschließlich ästhetischen Gesichtspunkten , führt
mit der Zeit zwar zu jagdlich weniger geeigneten bis unbrauchbaren
Hunden, aber nicht zwangsläufig zu besseren Familienhunden. Dies gilt sinngemäß auch für viele andere Hunderassen. -
Gerade bei Verzicht auf Leistungsprüfungen und ausschließlicher Zucht
nach „Schönheit" gerät diese sehr schnell in eine Sackgasse. Viele
Angehörige ehemaliger Arbeitsrassen wären heute weder physisch noch
psychisch mehr in der Lage, die Aufgaben ihrer Ahnen zu erfüllen. -
Der BorderCollie ist im Kreis der „edlen" Rassehunde noch relativ jung.
... Es gibt bereits neben den Arbeitslinien, die immerhin
instinktsichere Hunde verlangen, so genannte Showlinien. Besonders hier
gilt es, im Hinblick auf das Verhalten gut zu selektieren, da diese
Hunde für die Arbeit an der Herde meist nicht mehr geeignet sind und
besonders zu den o. g. Neurosen, Angstaggression etc. neigen. Erschreckenderweise
zeichnen sich auch in der „Altdeutsche-Hütehund-Szene" Tendenzen ab,
die Population in Familien-, Show-, Hobby- oder wie auch immer genannte
Hunde und die traditionellen Arbeitshunde aufzuspalten. Offensichtlich
hat man wieder einmal nichts gelernt aus den Fehlern, die bereits an
anderen Rassen begangen wurden bzw. meint alles besser zu wissen als
die warnenden Stimmen der Kynologen und Genetiker. Und das
heuchelnderweise auch noch unter dem Vorwand, dem Erhalt der Altdeutschen Hütehunde dienen zu wollen. Auch
ein Altdeutscher Hütehund ist ein Hund ist ein Hund ist ein Hund!! Und
unterliegt genau den gleichen genetischen Prozessen und
Gesetzmäßigkeiten wie alle anderen Hunde. Wenn
er auch im Alltag nicht ein so übertriebenes Hüteverhalten zeigt wie
der BorderCollie, werden bei der züchterischen Vernachlässigung des
AH-typischen Hüteverhaltens zwangsläufig auch andere damit gekoppelte
Verhaltensfragmente wegfallen. Die Frage ist nur, welche. Zeigt
der nach Leistungsmerkmalen gezüchtete Altdt. Hütehund immerhin ein
diesbezüglich instinktsicheres Verhalten (worauf man sich einstellen
kann, um als Privathalter möglichen Schwierigkeiten vorzubeugen),
könnte ein vorrangig nach äußerlichen Kriterien gezüchteter AH ein
Verhalten zeigen, das einem Überraschungsei gleicht. Manche
Verhaltensfragmente würden verstärkt, andere abgeschwächt, wieder
andere aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gerissen und evtl. völlig
deplaziert gezeigt. Als häufigste Nebenwirkungen der nicht
leistungsorientierten Zucht nennen Fachleute u.a. Hyperaktivität,
Nervosität, Kläffen, Neurosen, Unselbständigkeit, geringes
Problemlösungsvermögen, Angstaggression... Fazit: Wählen
Sie beim Hundekauf unbedingt den altbewährten, traditionellen
Arbeitshund. Da weiß man, was man hat! Auch dort gibt es ruhigere
Vertreter, die sich bei entsprechender Führung gut für den Privathaushalt eignen. .
Außerdem
gibt es recht unscheinbare Hundemütter, die mit Regelmäßigkeit nur das
Äußere des Rüden weitergeben. Die Vaterkinder laufen gewissermaßen nur
durch sie durch. Und hier schon ergeben sich erste Zweifel am Sinn des
Standards. Er gibt eben nur das Optische wieder, kann gar nichts
anderes bewirken, die genetischen Eigenschaften des betreffenden Hundes
müssen versteckt bleiben, können bei der Benotung keine Rolle spielen.
Die
erwähnte Hündin zum Beispiel ist eine vorzügliche Vererberin, gebiert
problemlos und ist eine optimale Mutter. Dennoch wird sie auf
sogenannten Zuchtshows niemals mit "vorzüglich" bewertet werden, ihr
glanzloses Äußeres verweist sie auf die hinteren Ränge. Der Standard
will es so. Und der Besitzer der Hündin wird Schwierigkeiten haben, für
sein minderbewertetes Tier einen erstklassigen - wenigstens erstklassig
aussehenden - Rüden zu bekommen. Wieviel wertvolles Erbgut durch die
Überbewertung der äußeren Form der jeweiligen Rasse verlorengeht,
darüber gibt es keine Statistik, aber der Niedergang so vieler Rassen
spricht eine deutliche Sprache. Was ist schon Schönheit? Wie viele
glänzende Eltern haben unbedeutende Kinder und vice versa.
Eine
mögliche Gewähr für wertvolle Nachzucht kann der Standard also schon
aus erwähnten Gründen nicht garantieren. Was kann er dann? Er kann noch
weiter selektieren, so lange, bis von der betreffenden Rasse so gut wie
nichts mehr übrig ist. Indem er beispielsweise die Verpaarung von
Elterntieren verhindert, die der jeweiligen Rasse gut anstehen würden.
Da hat zum Beispiel ein Boston Terrier, der im übrigen ohne Makel ist,
das eine Auge nicht im schwarzen Fellbereich. Dies aber schreibt der
Standard zwingend vor. Und - schwupp ist der schöne kleine Hund raus
aus der Zucht. Bei einer Rasse mit hierzulande so geringem Potential
ist dies ein großer Fehler, nicht die Fehlfarbe. "Fehlerhaft getragene"
Ohren oder Schwänze, insgesamt etwas zu große oder zu kleine Exemplare
- es geht da oft um Zentimeter, muß man wissen -, nicht die ideale
Behaarung - "zu weich, zu fest, zu lockig, nicht lockig genug"-, alles
Dinge, die nichts mit der Gesundheit, dem Wesen, nicht einmal etwas mit
dem Formwert oder der "Schönheit", wie immer man die definieren will,
zu tun haben. Das Beispiel Deutsche Dogge. Es gibt sie in fünf
Farbschlägen, die untereinander meist nicht verpaart werden dürfen. Die
Folgen: Da es von diesem sehr großen Hund verständlicherweise nicht
allzu viele gibt, führt das Verpaarungsverbot verschiedener Farben
notwendigerweise zur Inzestzüchtung und schließlich zu
erbarmungswürdiger Degeneration, physisch und psychisch. Zumal auch
Farbfehler der Augen - "zu hell, durchdringend im Ausdruck (!), gelb,
hellblau oder wasserblau oder unterschiedlich gefärbt, zu weit
auseinanderliegend" - zusammen mit anderen unerheblichen Fehlern zum
Zuchtausschluß führen können. Hätte
der Standard nicht willkürliche Schranken gesetzt, wo es nichts zu
beschränken gibt, wir hätten heute keine Doggen, die mit sechs Jahren
schon vergreist sind oder tot, die überängstlich sind und mit vielerlei
Knochen- und Gelenkdefekten geplagt.
Die Antipoden der Doggen, die
eigentlich viel zu winzigen Chihuahuas, haben mit Sicherheit auch
deswegen als Rasse Jahrtausende überlebt, weil bei ihnen alle Farben
und Haarschläge zugelassen sind, also immer genügend Auswahl
gewährleistet ist. Dafür stand in ihrem Standard eine
Ungeheuerlichkeit: Die Scheitelfontanelle, eine Öffnung in der
Schädeldecke, die sich normalerweise schließt, sobald der Kopf
ausgewachsen ist, bleibt beim Chihuahua lebenslang offen. Der Standard
lobte, daß diese schlimme Anomalie den Chihuahua auch in dieser
Beziehung "von allen anderen Hunden unterscheidet". (In der neueren
Ausgabe des Standards ist dieser Absatz gestrichen. Gratuliere!)
Beim
Bullmastiff (Großbritannien) steht, daß helle oder gelbe Augen ein
"grober Fehler" sind (und wieder ist ein schöner Vertreter dieser
schönen Rasse weg vom Fenster). Dafür steht aber am Schluß: "Gesundheit
und Lebhaftigkeit sind wesentlich." Was für eine erfreuliche
Binsenweisheit.
Wenn aber ein Französischer Bulldog mit Afterkrallen
geboren wird, dann ist seine Karriere zu Ende, bevor sie beginnen
konnte: absoluter Disqualifizierungsgrund! Dafür ist er aber "wie ein
Faß bereift, sehr abgerundet", denn "es ist wesentlich, für die
Brustorgane einen geräumigen Platz zu finden", und deshalb hat er eine
"walzenförmig herabgezogene Brust" zu haben. Wo, um Himmels Willen,
bleiben die "Brustorgane" bei den Windhunden? Wenn es nicht so traurig
wäre, könnte man Tränen lachen. Ich bin erst bei Buchstabe B und merke,
hier ist Stoff für ein dickes Buch, voll des blühenden Unfugs.
Irgendwann
muß es ja wohl angefangen haben. Irgendwann hat ein Richter einen
weißen Hund angefaßt und hatte die Hände voll Kreide. Oder voll Fett.
Oder mit Spray verkleistert oder mit Haarfestiger. Oder mit allem
zusammen. Und dann hat dieser Richter nicht etwa den Aussteller mit
ausgestrecktem Zeigefinger aus dem Ring gewiesen, sondern dem Besitzer
vielleicht ein Auge gekniffen und den Hund erfreulich benotet.
So
oder so ähnlich muß es gewesen sein, und von da an hatten es die
meisten langhaarigen Hunde bitter schwer. Ein Kurzhaariger sollte
infolge seines guten Gesundheitszustandes glänzen, aber wenn nicht,
kann ihm nicht viel mehr passieren, als daß er mit irgendwas
gewissermaßen aufpoliert wird.
Dagegen die armen Yorkshire,
Malteser, Löwchen, Pekinesen, Afghanen, West Highland, Fox und Airedale
Terrier, die Bobtails und Bedlingtons und - allen voran - die Pudel:
Was müssen diese armen Hunde ausstehen, gepeitscht vom milden bis
rasenden Irrsinn ihrer Besitzer und Züchter, gedultet und prämiert von
Richtern und Ausstellungsleitern. Da wird gefönt und gewickelt und
gewirbelt, gestrählt und geschnippelt, rasiert und geschmiert und
garniert. Und gelogen und betrogen.
Ein leicht überbauter Bobtail
soll wohl sein. Das heißt, die Kruppe soll etwas höher sein als der
Widerist. Bei den meisten ist das aber nicht so. Also kam irgendwann
irgendein Pfiffikus auf die Idee, ab Rückenmitte das lange Haarkleid
nach hinten zu toupieren. Und nun sehen alle Bobtails aus wie dicke
Frauchen mit hochgebundenen Röcken. Die Yorkies sind beinlos geworden
und schweben nach langer Haarwickeltortur auf ihren metallblauen
Vorhanghaaren einher.
Die Bedlingtons, eine sehr "griffige Rasse",
macht der Friseur zu Lämmern mit Rückgratverkrümmung. Dem
Bichon-Löwchen hat man die kälteempfindlichen Hinterteile kahl
geschoren. Die rauhhaarigen Terrier wirken wie aus Holz geschnitzt, und
den Westies wird ihr abhanden gekommenes "Ziegenhaar" mit Hilfe von
Vaseline und Kreide wiederhergestellt. Kreidewolken auch bei den weißen
Bulldogs und Bull Terriern. Als der Westhighland White Terrier
explosionsartig Mode wurde, schnippelte man sein pfiffiges Gesichtchen
zum "Chrysanthemenkopf" und begann, ihn zu verzwergen. Weiß der Teufel,
was da heimlich, heimlich eingekreuzt wurde, von Maltesern wird
gemunkelt - wäre ja auch naheliegend -, jedenfalls verlor der Westie
aus geheimnisvollen Gründen weitgehend seine schöne harte Behaarung,
die man sich nun genötigt sieht, mit dieser Ekelpackung - siehe oben -
wiederherzustellen.
(Übrigens: beim Pudel führen Afterklauen erbarmungslos zur Disqualifikation.)
Alles klar! Nee! Wieso?

mit freundlicher Genehmigung von Dipl.Ing. Dr. rer.nat.tech. Hellmuth Wachtel, Wien
Es geschah im vorigen Jahrhundert: die Schläge und Varianten der verschiedenen Gebrauchshunde, die es
damals gab, wurden zuerst in England, dann auch auf dem Kontinent
zuchtbuchgemäß erfasst, Standards erstellt, und es geschah das, was wir
Hochzucht nennen: die verschiedenen Schläge waren nun gegeneinander
abgegrenzt und durch Inzucht, Linienzucht und scharfe Selektion,
insbesondere auf den sogenannten Formwert, soweit vereinheitlicht, dass
sie nunmehr als Rassen bezeichnet werden konnten. So wurde bald aus
jeder Rasse eine isolierte Fortpflanzungsgemeinschaft, der so wichtige
genetische Austausch innerhalb der Spezies "Haushund" aber weitgehend
unterbunden, wenn wir von den Mischlingen absehen (aus denen
gelegentlich auch noch Rassen wurden, siehe Kromfohrländer, Eurasier
usw.). Dies war eine züchterische Revolution, der wir heute unsere
zahlreichen Rassen und ihre Erhaltung zu verdanken haben, aber die sich
nun auch in mancher Hinsicht als verhängnisvoll erweist.
durch
Inzucht und Selektion auf Konformität mit dem Standard. Nun wäre
Inzucht u. U. länger durchzuhalten, wenn gleichzeitig scharf oder sogar
ausschließlich auf Gesundheit und Vitalität selektiert wird, wie es da
und dort bei Gebrauchshunden der Fall ist (ein Beispiel dafür ist der
Alaskan Husky, der nur auf die Vitalitätsmerkmale Schnelligkeit und
Ausdauer gezüchtet wird). Dennoch kommt man auch hier auf die Dauer
nicht ohne "frisches Blut" aus, denn die Anhäufung schädlicher
rezessiver Gene für quantitative Merkmale, die sich gegenseitig
beeinflussen und steigern und so die Vitalität mindern bzw. erst im
Zusammenwirken die meisten Erbkrankheiten (z. B. HD =
Hüftgelenkdysplasie) hervorrufen, kann man so nicht verhindern. Die
frühere Meinung, Inzucht plus Selektion auf Gesundheit sei unschädlich,
hat sich als schwerer Irrtum erwiesen, denn multifaktorielle
Erbkrankheiten und Defektgene treten so im Gegensatz zu einfach
rezessiven dadurch nicht ans Tageslicht und werden im Gegenteil immer
mehr angehäuft.
Während
man in Schweden heute insbesondere die Anzahl der verwendeten
Zuchtrüden durch Bewilligung nur einer limitierten Zahl von erzeugten
Würfen je Vatertier erhöhen will, führt man in Holland
populationsgenetische Grundregeln in die Zuchtordnungen für jede Rasse
ein. In Australien wieder wird die möglichst blutsfremde Paarung
propagiert. Es besteht kaum ein Zweifel, dass - im Interesse der
Zukunft unserer Hunde - alle erwähnten Maßnahmen die züchterische
Strategie der Zukunft darstellen werden. Bei - rechtzeitiger und
konsequenter - Anwendung der geschilderten Maßnahmen, die gewiss ein
großes Maß an Umdenken bedeuten, würden jedoch - außer in sehr
kritischen Fällen - Erbgesundheitsprobleme wieder bedeutungslos werden!
Jetzt allerdings sieht es so aus, dass nach einer französischen
Erhebung 20 % aller Rassehunde erbliche Defekte aufweisen, eine
alarmierende Situation!
- Die besorgniserregende Zunahme von Erbkrankheiten.
- Trend zu verschärften Gesundheitsgarantieleistungen der Züchter für ihre Produkte.
-
Der heute weitreichender aufgefasste Begriff der Tierquälerei, der nun
auch Zuchtmethoden betrifft, die das Wohlbefinden des Zuchtproduktes
beeinträchtigen. Schließlich wird der Boom neuer Sportarten wie
Agility, FlyBall usw. den Bedarf an leistungsfähigen Hunden auch bei
Gesellschaftsrassen steigen lassen.
Eine
Hunderasse ist als eigenständiges Lebewesen zu betrachten, das
besonders durch zu kleine Populationen und zu wenige Zuchttiere,
besonders Rüden, bedroht ist. Wer seinen Championrüden voll Stolz
unbegrenzt Hündinnen decken lässt, schadet der Rasse, denn dessen
unvermeidliche Defektgene verbreiten sich und können so im schlimmsten
Fall das erzeugen, was man euphemistisch "Rassendisposition" zu dieser
oder jener Krankheit nennt. Daneben aber steigt im schlimmsten Fall der
Inzuchtkoeffizient der Rasse, da die Nachkommen alle mindestens
Halbgeschwister sind. Dieses Vorgehen aber ist unverantwortlich, denn
eine Hunderasse ist ein Gemeingut, das ein Züchter sozusagen treuhändig
für seine Ziele benützt und möglichst in gleicher Qualität - oder
besserer - an die Nachwelt vermitteln müsste.
Beim
Kuhhund allerdings sieht die Problematik so aus, dass bereits viel zu
viel hineingekreuzt wurde und kaum noch reine Vertreter dieses Schlages
vorhanden sind. Um das typische Hüteverhalten dieser Hunde zu erhalten,
kann nicht mit den Schafhund-Schlägen gekreuzt werden. 
(Da in
Gefangenschaft gehaltene Füchse - vor allem bei den artwidrigen
Umständen der Pelztierfarmen - starkes Stressverhalten zeigen, was sich
wiederum auf die Pelzqualität auswirkt, selektierte Belayev auf ruhige
Tiere, die eine geringe Fluchtdistanz zeigten. Nach nur 18 Generationen
zeigte diese Fuchspopulation viele Verhaltensmerkmale der
domestizierten Hunde: Sie suchten aktiv die Nähe zu den Pflegern,
kletterten auf ihnen herum, ließen sich herumtragen und Spritzen geben,
aus der Hand füttern, rollten sich auf den Rücken, um sich den Bauch
kraulen zu lassen und kamen, wenn man sie rief. Überraschenderweise
sahen sie auch aus wie Hunde: Sie hatten häufig geschecktes Fell,
Hängeohren und eingerollte Schwänze. Sie wurden nicht mehr einmal,
sondern zweimal pro Jahr läufig. Und sie bellten. Auf keines dieser
Merkmale wurde absichtlich hingezüchtet - aus Sicht der Pelzindustrie
waren gescheckte Füchse sogar ein ausgesprochener Fehlschlag -, sondern
das Selektionskriterium war ausschließlich "Gelassenheit".)
Wenn wir also das Verhalten eines Hundes ändern wollen
- damit er ruhiger und weniger lebhaft ist -, müssen wir auch seine
Form verändern. Für den Züchter bedeutet das ein Dilemma. Das Publikum
will Haushunde, die genauso aussehen wie die traditionellen
Arbeitshunde, es ist aber gleichzeitig unerwünscht, dass sie das
Verhalten der Arbeitshundrassen an den Tag legen. Es ist unmöglich,
auf ein Verhalten zu selektieren, das einen geeigneten Haushund ergibt,
dabei aber gleichzeitig die Form des Arbeitshundes beizubehalten. Dabei „fällt der Hund auseinander". ....
Verhaltensmerkmale
besitzen einen schwankenden Heritabilitätskoeffizienten. Einzelne
Verhaltensweisen sind hoch erblich. Hierzu gehören spezielle
Verhaltensweisen wie z.B. das Vorstehen von Jagdhunden. Das „Auge
zeigen" von BorderCollies gehört ebenfalls zu diesem Verhaltenskomplex.
In wissenschaftlichen Studien wurde nachgewiesen, daß auch
Ängstlichkeit, Aggressivität und Nervosität einen relativ hohen
Heritabilitätskoeffizienten haben. Dieses Verhalten wird zu bis zu 50 %
von der erblichen Anlage bestimmt.
Kompliziertere Verhaltensweisen
wie Trainierbarkeit oder die Fähigkeit, Probleme zu lösen, haben eine
wesentlich kleinere erbliche Grundlage. Dies hängt unter anderem damit
zusammen, dass komplizierte Verhaltensweisen aus verschiedenen
einfachen „Verhaltensbausteinen" zusammengesetzt sind. Jeder dieser
„Bausteine" wird wieder von mehreren Genen beeinflusst. Je mehr Gene
aber für die komplizierten Verhaltensweisen gebraucht werden, umso
kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle gleichzeitig an ein Tier
vererbt werden.
Das zeigt, wie schwierig es ist, bestimmte
Charaktereigenschaften zuverlässig zu erzüchten. Hat man dann eine
Rasse mit bestimmten Charaktereigenschaften, muß man ständig die
Nicht-Merkmalsträger aus der Zucht aussortieren, um die Eigenschaften
der Rasse zu erhalten.
Stellt
man die Zucht dieser Spezialisten aber vom Verhalten auf das reine
äußerliche Erscheinungsbild nach dem FCI Schönheitsstandard um, so muß
sich die Rasse ganz zwangsläufig verändern.
Jedem ist einleuchtend,
dass sich äußere Kennzeichen einer Rasse verändern, wenn man nicht mehr
auf sie selektiert. Eine stehohrige Rasse bleibt nur stehohrig, wenn
man die schlappohrigen Vertreter von der Zucht ausschließt.
Beim
rein auf Verhalten gezüchteten BorderCollie wird jedoch ganz
selbstverständlich vorausgesetzt, dass das Hüteverhalten und der
freundliche, lernwillige Charakter der gleiche bleibt, auch wenn man
nur noch nach Exterieur züchtet. Dies ist ein eklatanter Trugschluß,
der unter anderem dazu geführt hat, dass es so viele BorderCollies mit
übersteigertem Fehlverhalten gibt. Das Hüteverhalten des BorderCollies
besteht wie oben ausgeführt aus vielen Bausteinen. Wird nicht mehr auf
die richtige Mischung geachtet, gehen manche Verhaltensweisen verloren,
andere prägen sich dagegen übersteigert aus. Dies kann zwangsläufig zu
unangepassten Verhaltensreaktionen im Alltag führen. 